Biographie-Projekt Hans Deichmann (Karl Heinz Roth)

Aus der ursprünglich geplanten Monographie über den aus dem Kölner Großbürgertum stammenden Unternehmer und Publizisten Hans Deichmann (1907–2004) ist eine Trilogie geworden. Sie baut auf drei Handlungsebenen auf, die mit der Analyse des sozial- und familiengeschichtlichen Umfelds beginnen und in die Rekonstruktion des Lebenswegs des Protagonisten einmünden. Hinter dieser Entscheidung stehen methodologische Überlegungen, die die seit eineinhalb Jahrzehnten betriebene Quellenrecherche begleiteten und im Verlauf des Jahrs 2024 zum Abschluss kamen. Das Projekt ist seither auf eine dreibändige Studie angelegt:

Band I: Wege zum Reichtum. Das Kölner Großbürgertum im langen 19. Jahrhundert.

Band II: Aufstieg und Niedergang. Die Familiendynastie Deichmann und die Bank Deichmann & Co. 1830–1931.

Band III: Leben in einem zerrissenen Jahrhundert: Hans Deichmann (1907–2004). Eine Biographie.

Im ersten Band rekonstruiere ich am Fallbeispiel Köln den Aufstieg des Großbürgertums von den ersten Anfängen in der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zu seiner Integration in die wilhelminische Machtelite. Dieser Prozess ist keineswegs linear verlaufen. Seine Deutung ist in der historischen Forschung entsprechend umstritten. Auch war er keineswegs zwangsläufig, wie ein Blick auf die Revolution von 1848/49 zeigt, bei der die Rheinmetropole eine herausragende Rolle spielte. Die Jahre 1848/49 markieren einen Wendepunkt. Das in den Spekulationsphasen der Franzosenzeit reich gewordene Stadtbürgertum ließ in der Konfrontation mit der Sozialrevolte der Unterklassen seine konstitutionellen Reformkonzepte fallen und ordnete sich dem spätabsolutistischen preußischen Militärstaat unter. Als Gegenleistung erhielt es freie Hand bei der Forcierung der wirtschaftlichen Entwicklung in den Gründerperioden der 1850er und 1870er Jahre. In dieser Phase des politischen Großhungerns und des ökonomischen Prosperierens avancierte das Kölner Kaufmanns- und Bankkapital zum Motor der Entwicklung der rheinischen Nachbarregionen und des Ruhrgebiets. Nach der Reichsgründung kam es zu einer mentalen Überidentifikation mit der Hohenzollernmonarchie, in deren Verlauf sich der Militär- und Beamtenadel mit der Großbourgeoisie zur wilhelminischen Machtelite vereinigte.

Dieser äußere Prozess war von markanten Entwicklungen innerhalb der großbürgerlichen Lebenswelten begleitet. Die Großbourgeoisie nutzte ihren inzwischen akkumulierten Reichtum zur Entwicklung eines spezifischen Habitus, der sie von den übrigen Gesellschaftsklassen absonderte. Sie separierte sich räumlich und zog sich in Stadtvillen und auf Landsitze zurück. Es bildeten sich neue Familienoligarchien heraus, die sich im Gefolge einer gezielten Heiratspolitik vernetzten und komplementäre Unternehmensnetzwerke ausbildeten. Die dominierende Stellung dieser Netzwerke wurde seit den 1890er Jahren zunehmend durch das Aufkommen der großen Aktiengesellschaften infrage gestellt. Hinzu kamen weitere innere und äußere Faktoren, die sie zunehmend erodieren ließen. Schließlich kam es zu einem Radikalisierungsprozess, der auch das Kölner Großbürgertum in die Abgründe des Ersten Weltkriegs hineintrieb.

Die Niederschrift des Manuskripts war im Frühjahr 2024 abgeschlossen. Es hat einen Umfang von 250 Seiten. Von einer separaten Veröffentlichung wurde zunächst abgesehen.

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Im April 2024 begann ich mit der Fortsetzung der Quellenrecherche und den Vorstudien zum zweiten Band. Bei der Herausbildung der Kölner Großbourgeoisie hatten die ersten drei Generationen der Bankiersfamilie Deichmann eine bedeutende Rolle gespielt. In der historischen Forschung wurden sie jedoch bislang nur kursorisch erwähnt. Dieses Phänomen ist auf die äußerst prekäre Quellenlage zurückzuführen. Die bis in das Jahr 1914 reichenden Bestände des Archivs der Bank Deichmann & Co. – und mit ihm das Familienarchiv – verbrannte 1944 bei einem alliierten Luftangriff. Im Verlauf der Weltwirtschaftskrise wurde die Bank insolvent und im Rahmen eines mehrjährigen Vergleichsverfahrens liquidiert. Bei dieser Abwicklung blieb die Registratur erhalten. Wie ich nach monatelanger Suche herausfand, war sie noch in den 1950er Jahren in der Kanzlei der Liquidatoren untergebracht. Danach verloren sich ihre Spuren. Auch eine von einem Unternehmenshistoriker 1925 abgeschlossene Studie zur Geschichte von Deichmann & Co. bis zum Jahr 1914 blieb unveröffentlicht; das Manuskript konnte bis heute nicht lokalisiert werden.

Das waren denkbar schlechte Voraussetzungen für den ins Auge gefassten Band II der Trilogie. Bislang existierten nur fragmentarische Überlieferungen aus dem Kölner Stadtarchiv und den Wirtschaftsarchiven des Rhein- und Ruhrgebiets. Sie konnten durch das Studium der großen Quelleneditionen, einiger unveröffentlichter Autobiographien sowie durch die Durchforstung der Zeitungsarchive und Adressbücher ergänzt werden. Das alles reichte jedoch für eine kohärente historische Analyse noch nicht aus. Um die Frage ihrer „Machbarkeit“ endgültig zu klären, unternahm ich im Sommer 2024 gemeinsam mit Malte Heuer eine Archivreise und konsultierte mit seiner Hilfe in Köln, Bonn-Bad Godesberg und Koblenz alle einschlägigen Quellenbestände. Das Ergebnis war positiv. In den Parallel-Überlieferungen des Familiennetzwerks Deichmann – Mallinckrodt – Camphausen – vom Rath – Guilleaume und Schnitzler fanden sich hinreichende Unterlagen, die eine Rekonstruktion der Wechselbeziehungen zwischen der Unternehmerfamilie Deichmann und dem Familienunternehmen Deichmann & Co. ermöglichen. Von besonderer Bedeutung ist dabei die im Rheinisch-Westfälischen Wirtschaftsarchiv aufbewahrte Sammlung von 570 Briefen, die Wilhelm Ludwig Deichmann, der Gründer der Familiendynastie, in den Jahren 1854 bis 1876 an seinen in London als Banker tätigen Sohn Adolph Deichmann adressierte. Der Bestand liegt seit November 2024 digital vor. Mit der Transkription der in Kurrentschrift verfassten Briefe begann Malte Heuer im Verlauf des Jahrs 2025 (vgl. die Wiedergabe eines Briefabschnitts aus dem Jahr 1854 auf der Titelseite dieses Tätigkeitsberichts). Da mittlerweile auch die im Krupp-Archiv überlieferten Korrespondenzen der bis in die dritte Generation befreundeten Familien Krupp und Deichmann digital zugänglich sind, ist eine ausreichende Quellenbasis gesichert. Die Reproduktionsqualität der überwiegend handschriftlich verfassten Dokumente ist jedoch sehr unterschiedlich. Ihre Lektüre ist auch für den Geübten mühsam und stößt häufig an Grenzen. Sie müssen deshalb in großem Umfang transkribiert werden. Dieser Arbeitsschritt erfordert viel Zeit. Ich entschloss mich deshalb im Juli 2024, die Arbeit am Manuskript für Band II bis auf Weiteres zurückzustellen.

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Nach der Unterbrechung der Vorarbeiten für den zweiten Band der Trilogie wandte ich mich der Biographie Hans Deichmanns zu. Inzwischen hatte ich mich zu einer Darstellungsform entschieden, die im Wesentlichen an den chronologischen Abläufen seines Lebenswegs orientiert ist. Das machte es möglich, den jeweiligen Kapiteln eine nochmalige Quellenrecherche voraufgehen zu lassen. Zusätzlich entschloss ich mich zu einer relativ breit angelegten Kontextualisierung. Bei den ersten Kapiteln konnte ich dabei häufig – aber keineswegs immer – auf die bislang geleisteten Vorarbeiten zu den Bänden I und II zurückgreifen. Dies änderte sich erstmals, sobald der junge Studierende der Rechtswissenschaft seine Ausbildung an der Universität Wien fortsetzte und dort in einen libertär-bürgerlichen Freundeskreis kooptiert wurde, der seinen durch die Normensysteme der konservativen Großbourgeoisie geprägten Habitus nachhaltig veränderte. Die Nach-Sozialisation durch den „Schwarzwald-Kreis“ hat Deichmann wesentlich beeinflusst. Sie trug dazu bei, dass er gegen die Verlockungen der Nazi-Bewegung immun blieb, und begleitete ihn bis in seine letzte Lebensetappe. Ich habe ihr deshalb ein eigenes Kapitel gewidmet, auf das ich am Ende der biographischen Studie wieder zurückkomme.

Nach seinem Studienabschluss trat Deichmann 1931 als promovierter Lehrling in den I.G. Farben-Konzern ein. Er absolvierte eine kaufmännische Ausbildung in der Farbenabteilung des Chemie-Trusts und stieg bis 1938 zum leitenden Angestellten auf. Obwohl die Farben-Sparte während der Großen Depression und auch noch in der Phase der Hochrüstung und Kriegsvorbereitung den renditeträchtigen Kern der I.G. Farben repräsentierte, wurde sie bis heute in der historischen Forschung kaum untersucht. Infolgedessen konnte ich mich bei der Kontextualisierung der beruflichen Tätigkeit nicht auf einige Querverweise beschränken. Ich habe mich vielmehr bemüht, den Nachwuchsmanager Deichmann umfassend im Metier des Farben- und Chemikalienverkaufs zu verorten, für das er seit 1938 als Leiter der Italien-Abteilung tätig war.