(Karl Heinz Roth / Florian Schmaltz)

Die Jahre 2024 und 2025 standen ganz im Zeichen einer nochmals intensivierten Suche nach den Überlieferungen zur Vorgeschichte, Geschichte und zu den Nachwirkungen des I.G. Farben-Werks Auschwitz, des größten und folgenreichsten Investitionsvorhabens des Chemie-Trusts während des Zweiten Weltkriegs. Weitere Quellenfunde bestärkten uns in der Hoffnung, die Baugeschichte von I.G. Auschwitz in allen wesentlichen Aspekten – Arbeitsverhältnisse, Lager für verschiedene Gruppen von Arbeitskräften, Werkssiedlung und Werks-KZ Monowitz, Chemietechnologie, das Ineinandergreifen der Produktionssparten, das Leitungspersonal und die Rolle des Werks innerhalb des SS-„Interessengebiets Auschwitz“ rekonstruieren zu können. Dies gelang jedoch noch immer nicht abschließend. Gleichwohl lokalisierte Florian Schmaltz in dem im Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden überlieferten Bestand der I.G. Farbenindustrie in Liquidation eine Aktenserie zu den „Abwicklungsstellen“ der I.G.-Werke Auschwitz und Heydebreck, die wichtige Einblicke in die Abläufe der Baugeschichte, die stufenweise Inbetriebnahme von Werksteilen und das Personal der Bauleitung eröffnen. Zusätzlich konnten schon vorhandene Teilbestände vervollständigt werden, so etwa die Überlieferungen des von I.G. Auschwitz betriebenen Kohlenbergwerks „Fürstengrube“ und des dortigen KZ-Außenlagers. Einen neuen Fund stellt die Werkszeitung der I.G. Auschwitz dar, die als Lokalausgabe der Zeitschrift „Von Werk zu Werk“ von 1942 bis Oktober 1944 erschien. Die Werkszeitung der I.G. Auschwitz ist im Bayer-Archiv Leverkusen unvollständig überliefert. Die Lücken konnten durch eine komplementäre Überlieferung im BASF-Archiv vollständig geschlossen werden. Die an die deutsche Stammbelegschaft kostenlos verteilte Werkszeitung enthält neben bislang unbekanntem Fotomaterial des Werks unter anderem Berichte über die Zwangsaussiedlungen der jüdischen und polnischen Einwohner aus Auschwitz, deren Wohnungen von I.G. Farben-Angestellten übernommen wurden. Reportagen über Besuche politischer Funktionsträger des NS-Regimes sowie Kultur- und Sportveranstaltungen der Sozialabteilung der I.G. Auschwitz und der Deutschen Arbeitsfront bieten Einblicke in den Betriebsalltag der deutschen Zivilbelegschaft des in Nachbarschaft zu dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau gelegenen Werks.

Auch die Kooperation mit den Arolsen Archives machte gute Fortschritte (vgl. den Tätigkeitsbericht 2022/23). Die mit der Archivleitung vereinbarte Digitalisierung der Mikrofilme des Arbeitsamts Auschwitz war im März 2024 abgeschlossen. Wir erhielten die etwa 140.000 Blatt umfassende Reproduktion als Festplatte und erarbeiteten anschließend ein mit der Leitung der Arolsen Archives abgesprochenes Erschließungskonzept. Es handelt sich dabei um die Karteikarten von etwa 60.000 zivilen Kontrakt- und Zwangsarbeitern, die dem I.G.-Werk und den übrigen im „Interessengebiet Auschwitz“ angesiedelten Unternehmen zugewiesen wurden. Sie werden durch Einzelfallakten, Belegschafts- und Personallisten sowie weitere Personalformulare ergänzt und eröffnen gemeinsam mit den statistischen Wochenberichten und der Werkszeitung einen recht genauen Blick auf die soziale und nationale Zusammensetzung der Belegschaft, in der alle Komponenten der unfreien Arbeit – Kontraktarbeiter, Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge – durch die eiserne Faust des I.G.-Managements zum Gesamtarbeiter zusammengefügt wurden.

Durch eine abschließende Recherche wurden die noch fehlenden Umfeld-Materialien erschlossen. Von besonderer Bedeutung ist die Digitalisierung der Akten des Technischen Ausschusses (TEA) der I.G. Farben, die original im Hoechst-Archiv vorliegen. Florian Schmaltz arbeitet seit Mai 2024 mit der Finkelstein-Stiftung der Bayer AG zusammen. Er wird sich bemühen, die Digitalisierung der relevanten TEA in die Wege zu leiten.

Auf dem Server der Stiftung für Sozialgeschichte wurde eine Cloud eingerichtet, die den in Bremen und Berlin lebenden Projektmitarbeitern einen gemeinsamen Zugriff auf die synchronisierte Datenbank der Digitalisate ermöglicht. Sie wird von Malte Heuer betreut. Nach Überwindung technischer Startschwierigkeiten funktioniert die Cloud reibungslos. Der Umfang der digitalisierten Dokumente reichte bis Ende 2025 bis an die Grenze von einem Terabyte heran.